Phänomen Autismus
Mathematik ist für viele nicht gerade das beliebteste Unterrichtsfach. Mirnes S. hat eine spezielle Passion dafür. Der Zwölfjährige löst schwierige Rechnungen im Kopf, wo andere trotz Taschenrechner scheitern. Bei Schularbeiten bleibt sein Zettel dennoch oft leer. Der Jugendliche schafft es nicht, seine Gedanken in schriftliche Form zu bringen. Der Grund: Mirnes hat Asperger-Autismus. Zum Autistic Pride Day am 18. Juni möchte seine Therapeutin Manuela Urdl aufzeigen, dass Menschen mit Autismus besonderen Respekt verdienen.
Starke Spezialinteressen
„Jeder Mensch mit Autismus ist einzigartig in seinen Begabungen und Interessen. Die meisten haben jedoch Probleme damit, ihre Umwelt als Ganzes wahrzunehmen und dies auch adäquat zu verarbeiten“, so Manuela Urdl vom Mosaik Ambulatorium. Dadurch können Probleme im Austausch mit Mitmenschen entstehen, bis hin zur völligen Isolation, wie die Special Autismus Trainerin weiß: „Es gibt in unserer Gesellschaft viele ungeschriebene Regeln, die Grundstein für unser funktionierendes Zusammenleben sind. Während Nicht-Autisten diese intuitiv lernen, stehen Menschen mit Autismus diesen meist verständnislos gegenüber, und müssen diese in mühevollem Training erarbeiten. Manchmal werden sie für ihre Unwissenheit ausgelacht, im schlimmsten Fall ausgegrenzt“.
Es gibt verschiedene Formen von Autismus. Dazu gehören unter anderem der Frühkindlichen Autismus und der Asperger-Autismus. Während der Frühkindliche Autismus meist mit verzögerter Entwicklung, verminderter Intelligenz und teilweise fehlender Sprache einhergeht, ist das bei Menschen mit Asperger-Autismus nicht der Fall. Oft zeigen sich ungewöhnlich starke Spezialinteressen, die aber eher selten für den Aufbau von sozialen Kontakten genutzt werden. Frühkindlichen Autismus wird in der Regel zwischen zwölften und 18. Lebensmonat entdeckt; Asperger-Autismus wird meist erst im Kindergarten oder beim Eintritt in die Schule diagnostiziert.
Rituale sind wesentlich
Gilbert B., einer der KlientInnen von Manuela Urdl, hat frühkindlichen Autismus. Der 13-jährige hat das Talent Lieder tongenau und rhythmisch exakt mit berührender Sopranstimme nachzusingen, auch wenn er diese nur ein einziges Mal vorher gehört hat. Trotz seiner schweren autistischen Störung hat er ohne Training Sprache erlernt. Der Teenager erkennt Menschen die er liebt und begrüßt sie lächelnd mit ihrem Namen. Doch die Welt ist für Gilbert nicht vorhersehbar. Damit er sich im Alltag orientieren kann ist es wesentlich für ihn Rituale und Strukturen zu schaffen, durch die er sich auf die Anforderungen des Tages einstellen kann.
„Gilbert kann in unserer chaotischen Welt nichts wegfiltern. Es prasselt immer alles mit voller Wucht auf ihn ein, was ihn des Öfteren aus der Bahn wirft – und seine Umwelt mit ihm. Trotzdem genügt manchmal ein glitzernder Lichtreflex um ihn wieder zu stabilisieren,“ erzählt Manuela Urdl und meint weiter: „Kinder wie Gilbert treiben uns ExpertInnen immer wieder zu neuen Lernerfahrungen an. Manche MitarbeiterInnen sind dadurch aber auch schon ausgebrannt.“
Obwohl seit den 1940er Jahren am Phänomen Autismus geforscht wird, konnte bisher kein allgemein gültiger „Auslöser“ dafür gefunden werden. Jede der bisher bestehenden Theorien deckt nur einen bestimmten Prozentanteil von Menschen mit Autismus ab. Besonders Unwissende neigen mitunter dazu, den Eltern „Vorwürfe“ für den Autismus ihres Kindes zu machen. „Sowohl die Autistischen Kinder als auch deren Eltern dürfen keinesfalls gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Das ist in jedem Fall der falsche Weg“, mahnt Manuela Urdl.
ExpertInnen für Autismus
Die steirische Mosaik GmbH betreut derzeit 33 Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Autismus. Dazu Mosaik Geschäftsführer Mag. Venerand Erkinger: „Immer mehr Menschen mit Autismus finden den Weg zu Mosaik. Viele unserer PädagogInnen und TherapeutInnen haben die Ausbildung zum Special Autismus Trainer. Es ist uns allen ein großes Anliegen, dass das Thema Autismus im öffentlichen Diskurs Platz findet.“
Hintergrundinformation - Autistic Pride Day
Der Autistic Pride Day wird seit 2005 jährlich am 18. Juni gefeiert. Er verleiht dem Wunsch vieler Menschen im Autismus-Spektrum nach gesellschaftlicher Akzeptanz ihrer autistischen Persönlichkeit und der Entpathologisierung des Autismus Begriffs. Dahinter steht das Konzept der neurologischen Vielfalt welches besagt, dass Autismus keine Krankheit ist, sondern zur normalen menschlichen Vielfalt gehört.